Wer am Pfingstsonntag den Blick nach oben durch das ehrwürdige Kirchenschiff der Pilstinger Pfarrkirche hat wandern lassen, dem hat sich ein faszinierender neuer Anblick geboten. Passend zum Hochfest schwebte sie da, im Herzen des Presbyteriums: eine kunstvoll geschnitzte Heilig-Geist-Taube im imposanten Strahlenkranz, die das einfallende Licht auf ganz besondere Weise einfängt.

Es ist ein Werk, das nicht nur handwerkliche Perfektion ausstrahlt, sondern vor allem tiefen Glauben und Lebensmut. Geschaffen hat dieses bleibende Unikat ein weit über die Gemeindegrenzen hinaus geschätzter Großköllnbacher Kunstschnitzer: Der 88-jährige Hans Störringer hat das Holz mit einer Präzision, Ausdauer und Geduld bearbeitet, die ihresgleichen sucht.

Glaube, der von allen Sinnen lebt

In seiner feierlichen Pfingstpredigt griff Dekan Jürgen Josef Eckl das Erscheinen der Taube merklich beeindruckt auf. Der katholische Glaube, betonte der Geistliche, sei eben keine reine Kopfsache und lebe nicht vom gesprochenen Wort allein. Er lebe ganz entscheidend vom Schauen, vom Erleben – kurzum: vom Glauben mit allen Sinnen. Die Darstellung des Heiligen Geistes als Taube besitzt in der christlichen Kunst eine jahrhundertealte Tradition; sie symbolisiert Frieden, göttliche Inspiration und das Herabkommen der göttlichen Kraft auf die Erde. Ob es das feierliche Aufleuchten der Kerzen, der berauschende Duft des Weihrauchs, der traditionelle Pfingst-Rosenregen oder nun diese plastische, fast schwebend wirkende Taube direkt über dem Altarraum ist: Solche sichtbaren Zeichen machen das Unfassbare des Pfingstwunders im wahrsten Sinne des Wortes greifbar. Sie berühren die Herzen der Gläubigen auf einer tieferen Ebene und schenken der Gemeinde eine spürbare, gemeinsame Mitte.

Den entscheidenden Anstoß für das Projekt gab Doris Westermeier. Die Mesnerin der Pfarrkirche und Enkelin von Hans Störringer erzählte ihrem Großvater, dass sich der Dekan schon lange eine plastische Darstellung des Heiligen Geistes, eine echte Pfingsttaube, für den Altarraum wünsche. Für den erfahrenen Handwerker stand sofort fest: Wenn ein Heiliger Geist in die Kirche kommt, dann ein geschnitzter. Dekan Eckl lieferte daraufhin zwei gestalterische Vorlagen, von denen sich Störringer eine für die Umsetzung aussuchte. Ein anonymer Sponsor war ebenfalls beizeiten gefunden, der das Vorhaben finanziell absicherte.

Doch kurz vor dem Start des Projekts machten dem 88-Jährigen schwere gesundheitliche Probleme zu schaffen. Ein tief greifender chirurgischer Eingriff stand an. In dieser unmissverständlichen Phase legte Hans Störringer ein stilles, tiefes Versprechen ab: „Wenn das gut geht“, so schwor er sich, werde er den Heiligen Geist für den „Dom im Moos“ fertigen. Der Eingriff verlief erfolgreich, und getragen von neuer Lebensenergie machte er sich umgehend an die Arbeit.

Exakt drei Monate blieben dem Senior-Handwerker bis zum Pfingstfest, um das Kunstwerk fertigzustellen. Der Zeitplan war straff, da das Werk gut vier Wochen vor dem Hochfest an die Ikonenschreiberin und Fassmalerin Inge Berger-Fernando übergeben werden musste, die der Skulptur ihre feine, sakrale Farbfassung verlieh. Hans Störringer teilte sich seine Kräfte eisern ein: Jeden Tag saß er von 9 Uhr bis genau 11 Uhr vormittags in seiner Werkstatt. „Ich hab’s hingebracht“, bilanzierte er im Rückblick.

Die Konstruktion ist eine handwerkliche Meisterleistung. Der stattliche Strahlenkranz misst stolze 80 Zentimeter in der Breite und wurde aus alter Fichte gefertigt. „Alte Fichte ist leicht“, erklärt der Schnitzer die Materialwahl, die dafür sorgt, dass das Gesamtwerk über dem Altar nicht zu schwer wird. Die Taube selbst schnitzte er aus edlem Lindenholz. Dafür zeichnete er zunächst einen präzisen Aufriss im Maßstab 1:1 auf Papier. Die fertige Taube besteht aus drei Teilen: Dem 40 Zentimeter langen Korpus und den beiden kunstvoll ausgearbeiteten Flügeln, die eine Spannweite von 70 Zentimetern aufweisen und stabil mit dem Körper verbunden wurden.

Lebensmut und tiefer Glaube

Mit dieser Schnitzarbeit hat Hans Störringer der Kirche und den nachfolgenden Generationen ein Geschenk von unschätzbarem ideellem Wert hinterlassen. Wenn die Pilstinger in Zukunft den Blick nach oben richten, sehen sie dort weit mehr als nur Holz – sie sehen ein Stück Lebensmut, tiefen Glauben und ein bleibendes Meisterwerk für die Ewigkeit.

Text und Foto: S. Melis

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