Auferstehung ist unser Glaube, Wiedersehen unsere Hoffnung, Gedenken unsere Liebe.
Hl. Augustinus
Der Umgang mit den Toten gehört zu den ältesten und tiefsten Ausdrucksformen einer Kultur. Wie Menschen ihre Verstorbenen bestatten, verrät, was sie über Gott, den Menschen und die Ewigkeit glauben. Gerade deshalb ist die zunehmende Verbreitung sogenannter „freier Bestattungen“ für Christen kein nebensächliches Phänomen. Sie berührt den Kern des christlichen Menschenbildes und der christlichen Hoffnung.
Immer häufiger verzichten Angehörige auf das kirchliche Begräbnis. Stattdessen gestalten sogenannte f reie Redner individuelle Abschiedsfeiern, die sich vor allem auf die Persönlichkeit und Lebensgeschichte des Verstorbenen konzentrieren. Solche Feiern mögen menschlich ansprechend sein. Doch aus katholischer Sicht fehlt ihnen etwas Wesentliches: das Gebet der Kirche und das öffentliche Bekenntnis zur Auferstehung Jesu Christi. Es ist ein finaler Punkt hinter dem Leben eines Verstorbenen. Die Auferstehungshoffnung, die die Kirche verkündet, ist hingegen ein Doppelpunkt, der Perspektive gibt.
Die Kirche bestattet nicht nur – sie betet
Das kirchliche Begräbnis ist zunächst kein kultureller Brauch und keine Dienstleistung für Angehörige. Es ist ein Akt des Glaubens. „Durch das kirchliche Begräbnis erfleht die Kirche den Verstorbenen geistlichen Beistand, erweist ihren Leibern Ehre und bringt zugleich den Lebenden den Trost der Hoffnung“ (can. 1176 §2 CIC/1983). Diese Reihenfolge ist aufschlussreich. An erster Stelle steht nicht die Trauerbewältigung der Hinterbliebenen, sondern die Fürbitte für den Verstorbenen. Das christliche Begräbnis ist somit kein bloßer Abschied, sondern ein Werk geistlicher Barmherzigkeit. Im Fokus steht der Verstorbene, für den wir das ewige Leben erbitten, selbst.
„Die kirchliche Begräbnisfeier ist eine liturgische Feier der Kirche“ (KKK 1684). Eine liturgische Feier ist ihrem Wesen nach Gottesdienst. Daher richtet sich das kirchliche Begräbnis nicht zuerst auf die Erinnerung an den Menschen, sondern auf Gott, den Herrn über Leben und Tod.
Der Tod im Licht des Pascha-Mysteriums
Die katholische Begräbnisliturgie versteht den Tod ausschließlich vom Tod und von der Auferstehung Christi her. „Der christliche Tod erhält seinen Sinn aus dem Pascha-Mysterium des Todes und der Auferstehung Christi.“ (Pastorale Einführung in die Begräbnisliturgie) Der Verstorbene wird deshalb nicht einfach verabschiedet. Er wird Christus anvertraut. Die Liturgie erinnert daran, dass der Christ bereits in der Taufe mit Christus gestorben und auferstanden ist: „Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben“ (Röm 6,4). Die Taufsymbolik prägt die gesamte Begräbnisfeier. Weihwasser erinnert an die Taufe. Die Osterkerze verweist auf den auferstandenen Herrn. Die Gebete sprechen von der Hoffnung auf die Vollendung in Gottes Reich. Nichts davon ist bloße Symbolik. Die Kirche verkündet eine Wirklichkeit.
Die Auferstehung ist keine Metapher
Viele moderne Trauerfeiern sprechen von einem „Weiterleben in den Erinnerungen“, von einem „Aufgehen in der Natur“ oder von einer unbestimmten spirituellen Existenz. Solche Vorstellungen mögen Trost spenden wollen, entsprechen jedoch nicht dem christlichen Glauben. Der Apostel Paulus schreibt: „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube sinnlos“ (1 Kor 15,17). Und weiter: „Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen“ (1 Kor 15,20). Das Christentum gründet nicht auf der Erinnerung an einen großen Menschen, sondern auf einem historischen Ereignis, das Raum und Zeit sprengt und in die Ewigkeit hineinreicht: der Auferstehung Jesu Christi. Deshalb endet das Großen Glaubensbekenntnis mit den Worten: „Ich erwarte die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.“
Wer diesen Glauben ernst nimmt, kann die Bestattung nicht auf eine Feier der Erinnerung reduzieren. Die Kirche betet vielmehr für die Vollendung des Verstorbenen und erwartet seine Auferstehung am Jüngsten Tag.
Der Priester vertritt nicht sich selbst
Ein häufiger Einwand lautet, ein freier Redner könne eine Trauerfeier ebenso würdevoll gestalten wie ein Priester. In menschlicher Hinsicht mag dies zutreffen. Doch das kirchliche Begräbnis erschöpft sich nicht in einer teuer bezahlten Rede. Der Priester handelt in der Liturgie nicht als privater Zeremonienmeister. Er repräsentiert die betende Kirche. Er verkündet das Wort Gottes. Er feiert die Eucharistie in persona Christi. Er spricht die Gebete und Riten der Kirche, die den Menschen seit Jahrhunderten Halt und Trost geben. Schließlich erteilt er den kirchlichen Segen, in dem er den Trauernden Gottes Nähe zusagt.
Vor allem aber steht er in der apostolischen Sendung der Kirche, die den Auftrag erhalten hat, das Evangelium zu verkünden und für die Lebenden wie für die Toten zu beten. Wo der Priester (oder eine bischöflich beauftragte Person) fehlt, fehlt nicht nur eine Person, sondern die sakramentale und kirchliche Dimension der Feier.
Die Würde des Leibes
Die Kirche betrachtet den menschlichen Leib nicht als bloße Hülle. „Der Leib des Menschen hat an der Würde des ‚Ebenbildes Gottes‘ teil“ (KKK 364). Deshalb begegnet die Kirche auch dem Leichnam mit Ehrfurcht. Anonyme Bestattungen sind aus demselben Grunde nicht wünschenswert. Die traditionelle Erdbestattung bringt besonders deutlich zum Ausdruck, dass der Leib auf die Auferstehung wartet. „Die Kirche empfiehlt nachdrücklich, dass die fromme Gewohnheit der Bestattung der Leichname beibehalten wird“ (can. 1176 §3). Die Feuerbestattung ist heute zwar erlaubt und weit verbreitet, jedoch nicht die originäre christliche Bestattungsform und nur unter der Voraussetzung gestattet, dass dadurch die christliche Auferstehungshoffnung nicht geleugnet wird.
Die Gefahr einer schleichenden Entchristlichung
Die Beliebtheit freier Bestattungen ist letztlich Ausdruck einer umfassenderen Entwicklung. Immer mehr Menschen wünschen eine Bestattung ohne Kirche, weil sie zuvor bereits ohne Kirche gelebt haben. Der Verlust der Begräbniskultur ist deshalb häufig die Folge eines vorausgehenden Glaubensverlustes. Gerade hierin liegt die pastorale Herausforderung unserer Zeit. Wo die Kirche aus dem Sterben verschwindet, verschwindet oft auch die Hoffnung auf die Ewigkeit. Wo das Gebet für die Verstorbenen verstummt, tritt die bloße Erinnerung an ihre Stelle. Wo die Auferstehung nicht mehr verkündet wird, bleibt am Grab letztlich nur die trostlose Erfahrung der Endgültigkeit.
Das christliche Begräbnis widerspricht dieser Resignation. Es spricht von Gericht und Barmherzigkeit, von Läuterung und Vollendung, von Auferstehung und ewigem Leben.
Eine notwendige Wiederentdeckung
Katholische Christen sollten deshalb die kirchliche Begräbnisfeier nicht als überholte Tradition betrachten. Sie gehört vielmehr zu den kostbarsten Schätzen des Glaubens. Wenn Angehörige den Priester rufen, die Exequien feiern lassen, die heilige Messe für den Verstorbenen darbringen und für seine Seele beten, dann erfüllen sie ein Werk christlicher Liebe. Sie tun für den Verstorbenen mehr als jede noch so persönliche Rede leisten kann.
Der heilige Ambrosius schrieb angesichts des Todes: „Wir haben ihn nicht verloren, sondern vorausgesandt.“ Genau dies ist die Perspektive des christlichen Begräbnisses. Der Tod ist nicht das Ende. Der Verstorbene bleibt Teil der Kirche. Die Gemeinschaft im Herrn dauert an. Die Kirche begleitet ihn mit ihrem Gebet, bis sich erfüllt, was Christus verheißen hat: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh 11,25).
Deshalb bleibt das kirchliche Begräbnis weit mehr als ein Brauch vergangener Zeiten. Es ist ein öffentliches Zeugnis des Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn – und eine Mahnung an die Lebenden, ihre Hoffnung nicht auf diese Welt zu beschränken, sondern auf das ewige Leben auszurichten.
Schließlich bleiben wir nicht bei der Erinnerung stehen, sondern erbitten für unsere(n) Verstorbene(n) das ewige Leben: „Auferstehung ist unser Glaube, Wiedersehen unsere Hoffnung, Gedenken unsere Liebe.“ (Hl. Augustinus)
Dekan Jürgen Josef Eckl